Frankeichs Nouvelle Aquitaine: warm, wärmer, herzerwärmend

Die Tage in Frankreichs Nouvelle-Aquitaine bleiben sehr warm, doch die Nächte werden mit 17°C angenehmer, vorerst bleibt weiterer Regen aus. Der August macht dem September Platz, seit gestern sind die Ferien in Frankreich vorüber, und plötzlich sind auch die Campingplätze wie ausgestorben. Am Abend erreichen wir einen Campingplatz, bei dem keine Rezeption mehr besetzt ist. Im Fenster hängt ein Schild mit einer Telefonnummer. Mit meinen besten Schulfranzösisch-Restbeständen rufe ich sie an und versuche dem netten Mann am anderen Ende der Leitung mit einzelnen Brocken zu erklären, dass wir hier übernachten wollen (nein, müssen, mit dem Baby geht es nicht weiter). Der Mann scheint zu verstehen, er will mir einen Selbst-Check-in erklären, doch ich verstehe es einfach nicht. Irgendetwas mit einem Pfosten? Dann verstehe ich wieder: „Ok, ich komme vorbei und zeige es Ihnen“. Einige Minuten später kommt ein Moped angeknattert und der freundliche Herr zeigt auf einen Automaten am Eingang – wie konnten wir diesen nur übersehen?! An der Säule kann man die Sprache wählen und alles andere ist selbsterklärend. Danke, lieber Campingplatzmann.

Von einem Campingplatz geht es zum nächsten – in nur kurzer Entfernung. Es wird von nun an schwerer, Campingplätze in entsprechender Distanz zu finden. Wie machen das dann nur die Pilger, die zu Fuß unterwegs sind? Die Rezeption des Campingplatzes ist dieses Mal besetzt, hier checken wir bereits am Mittag ein. Eigentlich ist das zu früh und wir haben auch erst 30 km hinter uns, aber der nächste Campingplatz ist zu weit weg und so genießen wir den Nachmittag am Ufer der Vienne. Das Baby steckt die Füße ins Wasser, tapst im Sand, kickt den Sand und lacht dabei. Nur die dröhnenden Militärflugzeuge zerstören die Idylle. Sie drehen Kreise über uns, wir sehen sie kaum, hören sie nur. Das ist gruselig und David weint jedes Mal, wenn wieder eines über uns dahinzieht. Und da wird weder geschossen noch gibt es Einschläge neben uns. Wie sich die Menschen in der Ukraine gerade fühlen, können wir uns dabei kaum vorstellen 😣

Aus unseren Tristen Gedanken reist uns die Einfahrt eines weiteren Radreisepaar mit Kind. Es ist das erste Mal, dass wir auf Gleichgesinnte treffen. Wir freuen uns, haben viel auszutauschen bis die Mücken kommen und die Weiterfahrt am nächsten Tag wird hinausgezögert, bis das Baby zu müde für anhaltendes Geplauder mit der anderen Familie ist.

Wir haben so gut mit Benedicte und Steven harmoniert, dass ich mich beim Verlassen der Vienne frage, ob wir wohl ebenfalls noch einen Tag hätten bleiben sollen. Doch wir haben für heute Abend ein Date bei warmshowers Hosts und die wollen wir nicht versetzen. Und schnell zeigt sich, wie gut die Entscheidung doch war. Uns erwarten mit Fred und Véro ganz wundervolle Menschen. Zunächst steht uns ein ganzes Haus zur Verfügung, die Waschmaschine wartet und Spielzeug für David steht bereit. Während wir einen Aperitif zusammen genießen, kommen immer wieder Nachbarn auf einen Plausch vorbei. Jeder hat etwas zu erzählen, erfreut sich an der Gemeinschaft, dann muss jemand abgeholt werden, der irgendwo vom Taxi vergessen wurde; ein Kommen und Gehen, es ist trubelig und gleichzeitig so angenehm und chillig, und das, obwohl wir nur ein paar Brocken Französisch und sie nur ein paar Brocken Englisch sprechen können. Dann setzt der Regen ein – und was für ein heftiges Gewitter! Oh, wie gut, dass wir den Abend im Haus in so netter Gesellschaft verbringen können anstatt im Zelt.

Wir sind überrascht, dass die Nacht, die wir drinnen verbringen, nach dem Regen angenehm kühl wird. Alle Fenster sind offen und die frische Luft spielt uns um die Nase – und das einmal ganz ohne Mücken! Wieder überlege ich am Morgen, ob wir wohl noch einen Tag bleiben sollten. Ich fühle mich so wohl bei der Familie und das Angebot steht. Doch irgendwie sitzt uns mit dem baldigen Schließen der Campingplätze der Winter im Nacken. Außerdem ist es ein perfekter Radfahrtag: 23°C, bewölkt und teils Sonne – so verabschieden wir uns und sitzen wieder auf.

Schöne Straßen in kleinen Städten.

Auf und nieder, auf und nieder, so lassen wir zunächst noch ein paar Hügel hinter uns, dann fahren wir lange ins Tal. Es sieht das erste Mal richtig nach Süden aus. Ab hier gibt es in den Gärten Bananenpflanzen, Granatapfelbäume und Feigen. Die Hügel lassen uns schon mal an die großen vor uns liegenden Berge denken. Wir überlegen, welchen Weg wir über die Pyrenäen nehmen werden. Der Eurovelo 1 führt flacher an der Küste entlang, der Eurovelo 3 ist der Pilgerweg, verläuft mehr landeinwärts und über höhere Berge. Ich freue ich mich nach viel flachem Land bei diesem ersten Ausblick aufs Gebirge, wenn auch mit großem Respekt. Wir entscheiden uns für letzteren!

Auf dem letzten Loch pfeifen wir auch am Ende der Mittagsetappe. Wir wollen es zum Rasten und Shoppen bis nach Angoulême schaffen. Nach dem Frühstück hauen wir auf dem hügeligen Stück also rein, kürzen ab, verlassen den Radweg und fahren dafür durch die Stadt – die Strecke ist nicht schön, aber wir kommen gut voran. In der Stadt gehen wir verloren, zunächst fahren wir hinterm Bahnhof bergab, dann wacht das Baby bereits auf und mit wachem Baby fahren wir zum Rathaus zwischen turbulenten Verkehr alles wieder bergauf. Oben angekommen sind wir fix und alle. Ich sage: „Ich kann das Baby gar nicht auf den Arm nehmen, mir läuft so die Brühe!“ Doch David ist ganz brav, schließlich gibt es gleich Mittagessen. Feiner Couscous funktioniert auch ohne Kochen, nur mit Wasser aufgießen – perfekt. Unser Campinggas ist nämlich aufgebraucht, so auch unsere Vorräte. Also steuere ich mit David zum Citysupermarkt. Hier gibt es keine Einkaufswagen, daher muss ich ihn die gesamte Zeit tragen (er hat 10kg!). Dann sind die Dinge, die wir benötigen, über drei Etagen verteilt, mir fällt schon bald der Arm ab und ich habe vergessen, eine Tragetüte mitzunehmen. Wir müssen kurz auf die Kassiererin warten, da kotzt mir das Baby über die Schulter. Eine Spuckpfütze ist am Boden. Ich habe keine Hand frei und auch nichts zum Aufwischen dabei. Was tun? Ich tu mal so, als hätte ich es nicht bemerkt. 🙈

Die letzte Tagesetappe führt uns auf einer schönen Railway-strecke im Schatten und bei flachem Anstieg zu einem winzigen, verlassenen Campingplatz. Wir warten, ob nach der Mittagspause (geht hier offiziell bis 17.00) noch ein Platzwärter kommt. Während wir warten, kommen zwei Niederländer im Wohnmobil an. Sie sind am Morgen in ihrer Heimat gestartet (wir nun seit drei Monaten unterwegs). Sie machen hier heute Halt, wollen aber weiter an die Küste, da wo viel Wind ist und die großen Wellen zum Surfen sind. Viel Wind?!? Das ist da, wo wir auch bald hinkommen?! Entweder sehen sie unser geängstigtes Schlucken oder den Schweiß, der uns bei den 30°C herunter läuft. Was auch immer sie inspiriert, fragen wir nicht, sondern sind fast sprachlos, als sie uns zwei Bier (einmal mit und einmal ohne Alkohol) aus ihrem Kühlschrank schenken. Wow. Das Gefühl von eiskaltem Getränk am Tagesende ist unbeschreiblich! Wir sind happy. David ningelt.

Am folgenden Tag führt uns eine flache Etappe am Kanal Garonne entlang. Es geht unter Platanen dahin, meist im Schatten, das Baby schläft ruhig – es ist wunderschön. Wir entschließen uns, dass wir heute noch ein Stück machen wollen (ich habe das Gefühl, wir müssen), und buchen in 40 Kilometern Entfernung für die kommende Nacht eine Airbnb-Unterkunft. Der Zeltplatz in 10 Kilometern wäre uns zu wenig Strecke. Wir kommen gut voran, alles läuft wie geschmiert, wäre da nicht plötzlich ein lautes ‚Knack‘ – und damit hat sich Tills Tretlager verabschiedet. Von einem Moment auf den nächsten kann er kaum noch treten. Mit viel Kraft tritt er gegen den mächtigen Widerstand die 700 Meter bis in das nächste Dorf an. So kommen wir keinesfalls weiter. Er hat zwar ein Ersatzteil dabei, aber kein passendes Werkzeug. Eine Fahrradwerkstatt gibt es hier natürlich nicht. Hm, aber eine Rasenmäherreparaturwerkstatt. Nun, einen Versuch ist es wert. Und tatsächlich kann er mit Händen und Füßen (und Bildern bei Google) erklären, was er benötigt und sich ein Werkzeug borgen. Somit erreichen wir trotz Zwangspause die gebuchte Unterkunft am Abend. Beim Abendessenkochen hängt mir David immer am Hosenbein. Er hat eine starke Mamiphase entwickelt. Er zieht sich am Hosenbein hoch und schimpfningelt. Zwar bekommt er von der Besitzerin Spielzeug, will aber nicht allein spielen. Einfach nur aufn Arm will er aber auch nicht. So bleiben wir hungrig?! Beim Ningeln sehe ich, dass sich das Zahnfleisch vorn öffnet. Ist das der Grund? Bereitet dir ein Zahn Unwohlsein und uns allen schlaflose Nächte?

Das Tretlager hat spontan aufgegeben.

Das Baby schläft schlecht, weil ihm der Zahn drückt, Till schläft immer schlecht, weil er seit einer Weile schmerzende Handgelenke hat und in der Nacht auch noch einen Migräneanfall bekommt, und ich schlafe schlecht, weil die beiden immer wach sind. Ach ja, und dann noch das ‚Zzzzzzzhhhh‘! Aaaah! Da ist es wieder (warum bringt hier nirgends wer Fliegengitter an?). Die ganze Nacht gehen wir auf Mückenjagd – drei sterben, eine vierte schafft es bis zum Anbruch des neuen Tages.

Wir werden am Morgen noch mit einem Kaffee von der Vermieterin versorgt – kann sie Gedanken lesen? Das rettet uns und gibt uns Energie für das anstehende Auf und Ab bei 30°C und Wind aus Süd. Wir fahren durch die Region Cognac und die Weinberge von Bordeaux. Zwischen den grünen Rebstöcken sind farbige Kleckse – Erntehelfer sind dabei, die Trauben zu pflücken. Es ist die Zeit der Lese und ein wunderschöner Anblick. Wenn ich nicht aufs Klo müsste (und zwischen den Weinbergen kommt nun mal lange Zeit kein Wäldchen), hätte es etwas sehr Beruhigendes.

Zur Ruhe kommen wir ab dem Nachmittag in Branne bei einer warmshowers-Familie. Von der Hitze der letzten Tage, den Nächten und dem Schub-Ningeln sind wir erschöpft und bekommen hier nun endlich die Pause, die wir schon seit einigen Tagen brauchen. Wir harmonieren mit der Familie, die uns lieb umsorgt. So nehmen wir das Angebot gerne an, und bleiben noch einen Tag. David wird von den beiden Mädchen rundum umspielt – der Charmeur, das gefällt ihm gut und er ist den gesamten Abend abgelenkt und mal wieder guter Laune.

Babysitting

Als die Mädchen in der Schule sind, und damit das Bespaßungsprogramm für David eingeschränkt ist, muss er selbst etwas zur Unterhaltung unternehmen. Am Boden sitzend wippt er nach vorn, setzt die Hände auf, Hintern hoch – und krabbelt los. Nicht nur eine einzelne Bewegung von Armen und Beinen, sondern gleich durch das gesamte Wohnzimmer! Was sich da im Kopf an Entwicklung gerade tun muss, ist gigantisch. Motorische Koordination zum Krabbeln, physisch wird Platz gemacht, damit das erste Zähnchen durchkommen kann. (Heute fühle ich es bereits! Warte mal, daneben geht ja schon wieder das Zahnfleisch auf – da kommt ja gleich der zweite Zahn!) Kein Wunder, dass er mit diesen Veränderungen erstmal klarkommen muss und ningelig ist!

Wir überlegen, ob die Reise weiterhin die richtige Umgebung für unser Krabbelkind ist. Auf dreckigem, stacheligem und bald nassem/matschigem Grund kann er sicher schlecht krabbeln und wir wollen ihn ja fördern. Wie können wir das umsetzen? Wir sind wirklich unsicher. Während wir überlegen, steckt David Eicheln in ein Gulliloch – andere haben da Lernspielzeug für! Und das gibt mir wieder Zuversicht, dass die Reise ihn in seiner Entwicklung doch nicht einschränken und sich schon alles finden wird.

Als wir wieder Kraft in den Beinen gefunden haben, verabschieden wir uns von den Hosts, von Les Landes, und von der Garonne. Der Mais auf den Feldern wird gerade geerntet und Pinienwälder zieren unseren Weg. Tagsüber ist wieder heiß, mit 39°C sogar sehr heiß! Ich fühle mich wie in den Regen gekommen, so nass geschwitzt bin ich bei Luftfeuchtigkeit wie im Regenwald. Während unserer Rast im Schatten erspähe ich etwas unterhalb des Rastplatzes ein kleines Bächlein zwischen den Bäumen. Ich möchte prüfen, ob es möglich ist, am Bachlauf die Füße hinein zu stecken. Das Ufer gäbe es das wahrscheinlich schon her, aber noch bevor ich mir ein genaueres Bild machen kann, höre ich schon das bekannte ‚Zzzzzhhh‘ am Ohr und habe auch gleich einen Stich am Arm. Verschwitzt wie ich bin, muss ich aber gerade auch unwiderstehlich lecker für diese Insekten riechen. Bächlein hin oder her, hier ist keine Abkühlung möglich. Entmutigt gehe ich zu meinen Männern im lichten Schatten der dürren Nadelbäume zurück. Auf der gegenüberliegenden Straßenseite der Raststelle öffnet sich die Tür eines Hauses und ein Mann kommt zu uns herüber. Er grüßt und bedeutet uns, dass er in seinem Garten einen Pool hat. Er fragt, ob wir uns da nicht abkühlen möchten. Was für eine Frage?! Natürlich schlagen wir die Einladung nicht aus. Ich stecke Davids Füßchen ins Wasser, dann bringt der Mann noch Wasserspielzeug für das Baby und für uns je eiskaltes 0%-Bier. Wow! 😯

Hochsommerlich warm

Einen Wow-Effekt behält auch die Abfahrt ins Tal der Adour für uns bereit. Während wir hinunterrollen, können wir das erste Mal die Berge sehen – ein unbeschreibliches Gefühl. Das gibt uns Motivation und gleichzeitig haben wir großen Respekt, was da vor uns auf uns wartet. Bereits hier ist es hügelig, ein bisschen wie im Alpenvorland, aber doch anders. Die Felder haben Weiden mit Kühen, Schafen und Pferden Platz gemacht. Am Abend werden wir unsere erste Pilgerherberge ansteuern, ich bin schon ganz gespannt. Während wir auf dem Weg dorthin langsam einen Hügel hinaufsteigen, fährt ein Österreichischer auf seinem langsam Reiserad neben uns – er ist der erste Pilger, dem wir begegnen! Er hatte die Pilgerreise mit seiner Frau geplant. Durch Österreich sind sie gemeinsam gelaufen, dann wollten sie für den Weg nach Santiago auf das Rad umsteigen, doch dazu kam es nicht. Sie erkrankte und ist verstorben. Nun unternimmt die die Reise mit seiner Frau im Herzen!

Diese Muschel werden wir ab jetzt öfter sehen

Irgendwie zeigen uns die Begegnungen der letzten Tage und der neue Entwicklungsschritt von David, dass wir mehr im hier und jetzt leben und uns nicht von anstehendem Winter irre machen lassen sollten. Die Reise könnte schnell vorbei sein und daher sollten wir doch jeden einzelnen Tag genießen und nehmen, wie es kommt. Und wenn uns der Winter vor Portugal einholt, dann führt er uns eben wo anderes hin.

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Mutti
1 Jahr zuvor

Sehr schöne Bilder und wie gut das es überall gastfreundliche Menschen gibt. Bleibt weiterhin behütet und gesund. Wir vermissen euch. Liebe Grüße aus der Heimat

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