Nordmazedonien – Osmanischer Einfluss, Prunkbauten und Herzlichkeit

Beschwingt von den guten Eindrücken aus dem Kosovo kommen wir noch in den Morgenstunden gut gelaunt und heiter aufgelegt an die Grenze zu Nordmazedonien. Die Einreise ist problemlos. Der Grenzbeamte will nur kurz unsere Pässe sehen – auch hier scheint Corona so weit weg 😉

Willkommen in Nordmazedonien – problemloser Grenzübertritt

Die Straße wird gleich hinter der Grenze breiter und der Verkehr nimmt zu. Neben dem ansteigenden Geräuschpegel trübt der Staub aus den großen Tagebauanlagen die Luft, Sicht und Stimmung. Wir geben Gas, um die verbleibenden 20 km bis nach Skopje schnell hinter uns zu bringen. Mir ist dabei nach ein paar Kilometern so, als hätte ich ein Fahrrad-verboten-Schild im Augenwinkel gesehen. Ich drehe mich um, um zu sehen, ob Till etwas dazu sagt. Keine Reaktion. Also fahren wir weiter. Wahrscheinlich hätten wir einen Weg über die umliegenden Dörfer suchen sollen. Der Verkehr wird immer dichter in Richtung Stadt. Doch wir sind so im Scheuklappen-Sprint-modus, dass wir ohne Halt bis zur Stadtgrenze durchfahren. Dann erscheinen die ersten Häuser und eine kleinere Service-Road, die zwar mit unzähligen Schlaglöchern übersät ist, aber mit weniger Verkehr neben der Hauptstraße her führt. Dann entfernt sie sich von letzterer. Wir folgen ihr durch den Vorort, der vor allem mit zwei Worten treffend beschrieben werden kann: viel Müll. Endlich kommen wir auf einen verkehrsfreien Weg entlang des Flusses Vardar, dem wir bis ins Zentrum folgen. Hier rasten wir kurz und vertilgen das verbliebene Obst, welches wir noch von dem netten Verkäufer aus dem Kosovo bei uns haben.

Wir haben keine Eile, Check-in im Hotel, das wir gebucht haben, ist erst am Nachmittag. Auch hier ist eine Hotelregistrierung für Ausländer innerhalb von 24h notwendig. So nutzen wir die Vorgabe als Chance zum Sammeln eines ersten Eindruckes und schieben langsam durch die Gassen der Altstadt. Diese bildet ein alter Bazar, der teilweiße restauriert und heute mit neuen, trendigen Läden belebt ist. Unser Hotel ist direkt im Kern des Basarviertels, umgeben von zahllosen Brautmoden- und Juweliergeschäften. Da es bald Mittag und bereits zu heiß zum Flanieren ist, suchen wir uns ein schattiges Plätzchen in einem kleinen Café. Die Plätze sind nur von Einheimischen besetzt, aber genau das macht es für uns anziehend. Viele haben eine Beziehung zu Deutschland, haben einmal dort gearbeitet oder Verwandte dort, werden wir später erfahren. Wir beobachten das Treiben der Umgebung, die Teestuben, die Tee und Kaffee auf kleinen Tabletts an alle umliegenden Shops und Handwerker verteilen. Ein junger Mann spricht Englisch und ist uns sofort dabei behilflich, einen Kaffee zu bestellen – hmmm, Kaffee! Eine Freude, die uns eine gute Seele durch die Spende auf unserer Internetseite erlaubt. Bayram hat sein Geschäft gegenüber und erzählt uns in der kommenden Stunde aus seinem Leben, von lokalen Gepflogenheiten und zu Sehenswertem über die Stadt.

Als wir vor vier Jahren nach Griechenland kamen, erfuhren wir dort zum ersten Mal vom Namenskonflikt zwischen Griechenland und Mazedonien. In Griechenland befindet sich ein Gebiet, für das die Griechen die Bezeichnung Mazedonien beanspruchen. Nach vielen Jahren Diskussion und Vermittlung konnte die EU einen Kompromiss in der Angelegenheit erzielen, mit dem alle unzufrieden sind: das Land heißt jetzt Nordmazedonien. Damit hätten sich die Streitigkeiten um Mazedonien gegeben, dachten wir, doch Bayram erzählt uns nun von neuem Zwist mit Bulgarien! Was gibt es denn an dieser Front zu streiten? Bulgarien beschuldigt Nordmazedonien, sie hätten deren Geschichte und Helden gestohlen. Oh jemine! Befindlichkeiten, für die ich so keinerlei Ader aufbringen kann. In vielen Teilen der Welt verhungern Menschen und die wollen die Geschichte an heute gezogenen Ländergrenzen Halt machen lassen? Was ist das für ein Unsinn? Auch wenn ich nur Kopfschütteln kann, ist der Einblick in Kultur, Land und Leute, den uns Bayram durch seine offene Art vermittelt, doch sehr erhellend.

Dann ist es 13:00 und wir schieben die Räder über das Kopfsteinpflaster zu einem schicken Hotel, fast ist uns unwohl zwischen zu-Schwanen-geformten-Handtüchern und Badschuhen. Doch nur kurz, bei den herrschenden 38°C im Schatten sind wir dankbar für die Auszeit mit Klimaanlage. Hier wollen wir einen Tag Videos schneiden und weiter versuchen, Kontakt mit Rotor aufzunehmen. Wir bekommen noch immer keine Antwort vom Hersteller unserer defekten Kurbeln auf unsere E-Mails; oder einen Bearbeiter zugewiesen, der dann im Urlaub und am Ende nicht zuständig ist. Wenn auch frustrierend, wir bleiben dran.

Ankunft in unserem Hotel – Harry fühlt sich wohl zwischen den Schwanen-Handtüchern

Am Abend melden sich unsere Hosts aus Bulgarien. Sie sind noch im Urlaub und werden erst einen Tag nach unserer geplanten Ankunft zurück sein. Spontan entscheiden wir daher, unseren Aufenthalt in Skopje um einen Tag zu verlängern! So bleibt zwischen E-Mails und Videoprogramm Zeit, die Stadt zu erkunden und die Atmosphäre aufzunehmen. Überall gibt es Trinkwasser – so wichtig bei den Temperaturen. Wir schlendern zwischen den engen Ständen von Bit Pazar, dem heutigen Marktteil entlang. Der osmanische Einfluss ist deutlich spürbar und macht uns schon Lust auf die Türkei. Doch zwischen historischen Teilen protzen goldene Statuen, ragen kantige Gebäude mit Sowjetcharme empor und thronen gewaltige modern anmutende Einkaufszentren. Ein skurriler Mix. Wir probieren eine Spezialität aus kosovarischem Einflussgebiet: Trilece – ein saftiger, gekühlt servierter Kuchen aus Milch, Sahne, Eiern, Zucker und jeder Menge Karamell. Lecker, ein Genuss!

Bis zur Begegnung mit den Warmshowers-Hosts in Bulgarien sind es noch ein paar Tage, doch für heute haben wir über die Plattform Kontakt zu Rante aus dem Bicycle Club der Stadt gefunden. Er bringt uns Dank Multimeter die Erkenntnis, dass an meinem Fahrrad der Dynamo Strom erzeugt, auch der Akku funktioniert und die Kabel Strom führen. Dennoch gibt es kein Licht. Damit bleibt nur als Ursache: Lampe defekt. Im Balkan machen wir uns wenig Hoffnung auf Ersatz. Zwar planen wir nicht, in der Nacht zu fahren, aber gänzlich ließ sich das nun auch bisher nicht vermeiden, und Tunnelfahrten werden wohl ebenfalls noch folgen. Lampe besorgen kommt also auf unsere To-Do-List.

Bereits 07:00 am nächsten Morgen ist es drückend heiß in der Stadt. Es dauert eine Weile, bis wir die Hauptstraße, die uns aus Skopje heraus führt, verlassen. Sofort steigt die unsere Route an und führt uns über hügeliges Land auf und ab, auf und ab. Auf den Feldern steht das gelbe Getreide, am Feldrand Walnuss- und Mirabellenbäume. Trotz Geholper tut uns die Ruhe gut. Wir folgen einem alten Fahrweg, die kaum noch von Autos genutzt wird. Es gibt unweit eine neue, breite und ausgebaute Version. Wir haben die Straße, die zwar an manchen Stellen schon etwas einbricht, fast für uns. Sie führt durch winzige Ansammlungen von Häusern. Die Menschen sind deutlich mazedonischer, nicht mehr albanisch. Die Moscheen räumen ihren Platz für Marienskulpturen. Wir können in den Gärten und auf den Terrassen erkennen, dass Bier und Schnaps getrunken werden.

Am Nachmittag wird es nötig, Wasser aufzufüllen, und auf der Karte ist für die heute erreichbare Strecke noch ein Dorf verzeichnet. Ich spreche eine Frau in einem Garten an und zeige auf meine leere Flasche. Sie deutet weiter die Straße entlang. Vielleicht gibt es einen Brunnen? Wir finden ein paar Meter weiter dann einen winzigen Laden, so groß wie ein Wohnzimmer, kaufen zwei kühle Getränke und ein paar Bananen. Der Besitzer lädt uns ein, an dem Tisch vor seinem Laden zu sitzen und wir nehmen die Einladung gerne an. Kaum sitzen wir, ändert er seine Rolle vom Verkäufer zum Gastgeber und fragt, ob wir ein Bier wollen. Tills „Nein, Danke“ war wohl nicht überzeugend genug und er kommt mit einer Flasche für Till und sich wieder. Ich bekomme eine Limo. Während wir einen Regenguss aussitzen, erzählt er uns, dass hier schon Radfahrer aus aller Welt hindurch gekommen sind: aus Japan und Österreich. Doch heute nur wir.

Schöne Erinnerung: Einladung zu einem Bierchen und „Plausch ohne Worte“

Als wir uns verabschieden wollen, möchte er mit uns noch einen Raki trinken. Raki ist das Nationalgetränk. Wir lehnen ab, diesmal deutlich, die Beine fühlen sich bereits ohne Schnaps müde an. So will er uns nicht gehen lassen. Er füllt uns aus seiner großen Flasche, in der ein eisernes Kreuz trumpft, etwas in eine kleine Flasche ab und überreicht sie uns stolz. Am Abend werden wir beim Kosten ganz schön die Miene verziehen. 😉

Nach dem Regen ziehen erneut einige Wolken und Gewitter auf. Ein paar Tropfen fallen, es ist angenehm und kühlt uns ab. Aber bei dem Wind kommen wir nicht mehr sehr weit. Wollen wir auch nicht, der vor uns liegende Berg ist nur etwas für eine Morgenfahrt, finden wir, nicht für müde Nachmittagsbeine. Wir bauen unser Zelt daher bald in einem Waldstück auf. Die vielen Mücken zwingen uns dazu, im Zelt zu essen (ist zum Glück kein Bärengebiet). Es gibt Brot mit Käse und Tomaten. Als ich losschneiden will, findet sich das Schneidewerkzeug nicht an seinem Platz. Kurz nehmen wir an, unsere Messer verloren zu haben. Aber das beginnt ja mit ‚M‘. Wir finden es später in einer anderen Tasche wieder und können gesittet, oder zumindest weitestgehend, speisen.

Die Nacht ist auf dem Land deutlich frischer als in der Stadt. Da kann man sogar ein bisschen Kuscheln. Am Morgen beeilen wir uns dann, das Zelt ohne Mückenstiche schnell zu verpacken und den Wald zu verlassen (gelingt uns natürlich nicht, wir sind zwar schnell aber die Mücken auch). In der nächsten Stadt wollen wir uns noch mit Lebensmitteln bevorraten und unser Restgeld umsetzen, jedoch haben die Supermärkte geschlossen. Es ist schon wieder Sonntag und wir haben es schon wieder zu spät bemerkt. Wir fahren ein wenig Zickzack und nach ein paar Querstraßenfahrten finden wir einen Minimarkt, der geöffnet hat. Puh! Die erste Runde übernehme ich: Brot, Kekse, Aufstrich, Aprikosen. Alle Artikel sind ohne Preise in dem Regal. Ich komme auf die Hälfte des Restbudgets. In der nächsten Runde holt Till noch einen großen Käse dazu. Sehr gut, Restgeld fast aufgebraucht. Als wir die dritte Runde starten, ist der Verkäufer irritiert oder motiviert (?) und stellt die Dinge vor, die er sonst noch in seinem Angebot hat. Till packt die verbleibenden Münzen auf den Tisch und zeigt ihm: das habe ich noch. Der Mann lächelt und gibt ihm zwei kleine Schokoriegel dafür. Ich denke er ist froh, über unsere drei Runden bei ihm und wir sind froh, alles passgenau verteilt zu haben.

Die beiden Riegel sind genau richtig, um uns den vor uns liegenden Anstieg von 700 Höhenmetern hinauf zur Bulgarischen Grenze zu bringen. Auf dem Weg nach oben kommen bereits mehrere Hinweisschilder, dass keine Tiere und kein Fleisch in die EU eingeführt werden dürfen. Haben wir nicht, kein Problem. Doch erst als wir den Berg komplett aufgestiegen sind und schon am Grenzhäuschen stehen, entdecke ich ein Schild, das anzeigt, dass auch die Einfuhr von Milchprodukten verboten sei. Sofort denke ich an das Stück Käse, das wir gerade noch stolz in unser Gepäck geladen haben. Ich stoße Till an. Eben reicht er dem Beamten unsere Pässe hinüber. Mit den Augen deute ich zu dem Schild hin und mit zusammengebissenen Zähnen nuschel ich ihm zu: „Käse, der Käse“.

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